Offener Brief an die Bundesräte Berset und Parmelin

Offener Brief von Ärzten und Fachleuten des Gesundheitswesens

an Alain Berset, Bundesrat für Gesundheit, und Guy Parmelin, Bundespräsident, zuständig für die Landwirtschaft. 

Sehr geehrter Herr Bundespräsident,
Sehr geehrte Bundesrätinnen und Bundesräte 

Als Ärzte, die den hippokratischen Eid zum Schutz der Gesundheit geleistet haben, ist es unsere Pflicht, die  Öffentlichkeit über die im Laufe der Jahre gesammelten Erkenntnisse über den Zusammenhang zwischen dem  Vorhandensein von Pestiziden in der Umwelt und der Gesundheit zu informieren. Wir wenden uns an Sie, da es laut  WHO die Pflicht der Gesundheitsbehörden ist, «jedem Individuum zu ermöglichen, sein angeborenes Recht auf  Gesundheit und Langlebigkeit zu genießen».

Im Bericht «Boden Schweiz», den das Bundesamt für Umwelt (BAFU) 2017 veröffentlicht hat, weisen Ihre  Experten darauf hin, dass die Nutzung unserer Böden nicht nachhaltig ist und sie unter anderem durch synthetische  Pestizide belastet werden, was zu einer irreversiblen Zerstörung der Biodiversität führt. Im Bericht «Zustand und  Entwicklung des Grundwassers in der Schweiz» desselben Bundesamtes von 2016 wird das Vorkommen von  synthetischen Pestiziden und deren Metaboliten in unserem Grundwasser bemängelt, insbesondere in Gebieten mit  intensiver Landwirtschaft. Im letzten Sommer wurden in der Hälfte der Trinkwasserfassungen im Schweizer  Mittelland Metaboliten von Chlorothalonil (mit wahrscheinlich Krebs erregender Wirkung) in Konzentrationen über  dem von der Europäischen Union festgelegten Grenzwert gefunden. Heute trinken mehr als eine Million  Schweizerinnen und Schweizer täglich dieses verunreinigte Wasser. 

Es ist wissenschaftlich erwiesen, dass synthetische Pestizidrückstände in unserer Nahrung und Umwelt allgegenwärtig  sind. Sie finden sich in den Haaren, im Urin und im Blut der Schweizer. Sehr niedrige Dosen dieser Substanzen, die chronisch oder zu empfindlichen Zeiten in der Entwicklung eines Kindes  aufgenommen werden, reichen jedoch aus, um ernsthafte und irreversible Gesundheitsschäden zu verursachen. 

Die wachsende Besorgnis von Ärzten, Forschern und der Öffentlichkeit gilt der breiten Palette von synthetischen  Pestiziden und deren Diffusion in alle Zellen des Embryos. Dies erklärt die Vielfalt der Folgen und die Auswirkungen  auf alle Organe: genitale Missbildungen bei Jungen, vorzeitige Pubertät bei Mädchen, neurologische  Entwicklungsstörungen wie Autismus und Aufmerksamkeitsstörungen, verminderte Fruchtbarkeit,  neurodegenerative, Verdauungs- und Lebererkrankungen und schließlich Leukämie, Lymphome und  hormonabhängige Krebsarten. 

Tausende von unabhängigen experimentellen und epidemiologischen Studien zeigen einen Zusammenhang zwischen  synthetischen Pestiziden und diesen Gesundheitsschäden. Krebs und Parkinson sind in Frankreich seit 2012 als  Berufskrankheiten bei Landwirten anerkannt. Die Überprüfung von Forschungs- und klinischen Daten führt unweigerlich zu einem Bewusstsein für die Dringlichkeit und den Ernst der Lage. 

Wir sind daher der Meinung, dass wir uns von der Verwendung dieser Krebs erregenden, neurotoxischen, mutagenen und allergenen Stoffe, die Unfruchtbarkeit fördern, befreien müssen. Der Zugang zu gesunder Nahrung und sauberem Wasser, frei von diesen Giften, ist ein Grundrecht.  Wir müssen um jeden Preis die Zerstörung der Ökosysteme und der biologischen Vielfalt vermeiden, von denen wir  direkt abhängen. Biologischer Anbau kann Produktivität und Nachhaltigkeit bei der Versorgung der Bevölkerung mit  Nahrungsmitteln sicherstellen. Neben der Tatsache, dass der Einsatz von synthetischen Pestiziden unvereinbar mit der  Aufrechterhaltung der Bodenfruchtbarkeit ist, ist die Vergiftung keine Voraussetzung, um genügend Nahrung zu produzieren.  Andererseits könnten durch die Anwendung dieser Methoden erhebliche Einsparungen erzielt werden, z. B. durch  reduzierte Gesundheits- und Wasseraufbereitungskosten. 

Trotz langjähriger Kenntnis der schädlichen Auswirkungen von Pestiziden auf Gesundheit und Artenvielfalt hat die  Politik das Vorsorgeprinzip nicht umgesetzt. Die vom Parlament vorgeschlagene Initiative „Verringerung des Risikos  des Einsatzes von Pestiziden“ wird die Mengen nicht ausreichend reduzieren. Darüber hinaus hat der Ständerat die  Beratungen über die Agrarpolitik AP22+ ausgesetzt und sie dadurch auf unbestimmte Zeit verschoben.

Angesichts dieser Blockade fordern wir die Bundesämter für Gesundheit und Landwirtschaft auf, ihrer Verantwortung  nachzukommen und den Schutz der Bevölkerung zu gewährleisten.

Die vollständige Liste der Unterzeichnenden entnehmen Sie dieser PDF Version.

Quellen:

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